Andachten

Kurz innehalten. Sich für einen Moment besinnen, woher wir eigentlich kommen, was wichtig ist im Leben. Dabei helfen uns kurze Andachten. Die Pastorinnen und Pastoren des Kirchenkreises Rotenburg verfassen jede Woche zwei Zeitungsandachten für die Rotenburger Rundschau und die Rotenburger Kreiszeitung. Wir veröffentlichen sie hier und schaffen damit ein Archiv, auf das Sie zurückgreifen können, wann immer Sie möchten. Denn: Ihre Zeitung werfen Sie irgendwann in den Papierkorb. Die Andachten behalten jedoch ihre Gültigkeit jenseits der Tagesaktualität.

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Di. 22.04.14
Dem guten Hirten folgen
Peter Thom
Dem guten Hirten folgen

Mit 14 Jahren erwachsen? Was die Religion betrifft, so ist das in unserer Gesellschaft rechtens. Mit 14 ist man religionsmündig. Bei der Konfirmation übernehmen die jungen Menschen für ihren Glauben selbst die Verantwortung.

Aber wie sollen sich die Konfirmanden entscheiden? Das Angebot auf dem Markt für Sinnstiftung und -deutung wächst enorm. Antworten, die Halt und Orientierung versprechen, kann man überall bekommen. Worauf kann man sich einlassen? Auf wen sollen die Konfirmanden hören?

Ein Reisender – so wird erzählt -  traf in Palästina an einer Wasserstelle auf drei Hirten, die ihre Tiere nicht nach Herden getrennt, sondern gemeinsam tränkten. Wie sollte da jeder Hirte seine eigenen Schafe wiederfinden?

Als sich die Tiere sattgetrunken hatten, nahm der eine Hirte seinen Stab und rief: „Men–ah!“ (folgt mir!). Sogleich schloss sich ihm seine Herde an. Dann rief der zweite Hirte, und das Gleiche geschah. Der Fremde fragte nun den letzten Hirten: „Würden deine Schafe auch mir folgen?“ Der Mann schüttelte den Kopf: „Versuch es!“ Da zog der Reisende den Mantel des Hirten an, band sich den Turban um, griff den Hirtenstab und rief: „Men–ah!“ Aber kein Tier folgte. „Nur wenn ein Tier krank ist“, lächelte der Hirte, „folgt es dem Nächstbesten.“

Darum geht es bei der Konfirmation: Nicht auf den Nächstbesten zu hören, vielleicht auf den mit den angenehmsten Versprechungen. Nicht dem nächstbesten, sondern dem guten Hirten folgen – das wär’s. Ich wünsche allen Konfirmanden, dass sie die Stimme Jesu kennengelernt haben. Er sagt:  „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und sie folgen mir.“

Peter Thom, Visselhövede

 

 

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Peter Thom

Peter
Thom
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Mo. 07.04.14
Aushalten können
Peter Thom
Aushalten können

Jetzt in den Tagen vor Karfreitag betrachte ich aufmerksam das Bild des Gekreuzigten auf dem Wittorfer Altar. Besonders eindrücklich sind die Frauen unter dem Kreuz dargestellt: Sie sind immer noch bei Jesus. Seine Jünger sind längst davon gelaufen, haben sich in Sicherheit gebracht. Sie, die Frauen sind geblieben. Sie erleben das grauenhafte Leiden, halten mit ihm aus. Er stirbt am Kreuz und sie bleiben ihm nahe. Ihre Anteilnahme ist stärker als alle Angst. Sie werden auch dabei sein, wenn er ins Grab gelegt wird. Und sie werden die ersten Osterzeugen sein.

Aushalten können, das ist die Stärke dieser Frauen. Sie können das Unrecht nicht aufhalten. Sie können am Leiden nichts ändern. Sie sind machtlos. Aber in dieser Ohnmacht haben sie die Kraft zu bleiben.

Ich denke an die Angehörigen, denen es gelingt, mit einem Schwerkranken mitzuleiden und diesen Leidensweg gemeinsam zu ertragen. Ich denke an die Pflegekräfte in den Kliniken und Pflegeheimen, für die es zum Berufsalltag gehört, Leidenden nahe zu sein. Ich denke an die Ehrenamtlichen im Hospiz, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Sterbende zu begleiten. Wie viel Kraft gehört dazu!

Das kann nicht jeder. Das muss auch nicht jeder können. Aber wo Menschen es schaffen, anderen in ihrer schwersten Stunde nahe zu bleiben, da ist das ein großer Segen.

Als Vikar besuchte ich einen Patienten im Krankenhaus. Ich fand ihn abstoßend, geradezu widerlich. Ich erzählte meiner Mentorin davon. Sie riet mir: „Schau diesem Menschen ins Gesicht! Betrachte ihn so lange, bis du seine Schönheit entdeckt hast.“ Das ist es: Ich muss solange aushalten, bis ich im Angesicht des Leidenden den Menschen erkannt habe, den Gott liebt.

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Peter Thom

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Mo. 10.03.14
Fasten
Jens Ubben
Fasten

Irgendwann ist Fasching vorbei. Leider, sagen viele. Gott sei Dank, meinen andere. Nach Aschermittwoch kommt dann die Fastenzeit. Sieben Wochen lang verzichten.

Hängen beide Zeiten nicht enger zusammen als gedacht? Bevor Menschen verzichten, möchten sie genießen. Vor sieben Wochen der Zurückhaltung soll es noch einmal großzügig zugehen. Kann ich gut verstehen. Aber Genuss wird erst vor dem Hintergrund des Verzichtes wirklich spürbar und bekommt seinen Sinn.

Das Fasten für 40 Tage erinnert daran, dass Jesus vor der Zeit seines öffentlichen Wirkens selbst erst einmal 40 Tage in die Wüste gegangen ist, um sich auf den neuen Zeitabschnitt vorzubereiten. Um geistliche Kraft zu schöpfen für das, was vor ihm lag.

Früher gehörte das Fasten zum Leben selbstverständlich dazu. Heute kann sich jeder selbst überlegen, ob er die sieben Wochen vor Ostern zu einer besonderen Zeit macht oder nicht. Denn genau das ist das Ziel dieser Zeit. Weniger die Frage, ob ich mal auf Süßigkeiten, Feierabendbier oder das Schnitzel verzichten kann. Sondern, ob ich mir Zeiten gönne, in denen ich aus dem Normalprogramm aussteige und zu mir selbst finde. Mich vorbereite auf neue Zeitabschnitte mit ihren Herausforderungen. Das Fasten drückt dann nur äußerlich aus, dass sich im Inneren ein besonderer Prozess abspielt.

Fasten ist wenig modern. Schade eigentlich. Könnte es sein, dass mancher Mensch nur deshalb in seinem Leben so wenig Außergewöhnliches erlebt, weil so wenig Zeit da ist, das Außergewöhnliche zuzulassen?

Fasten Sie mal!

 

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Jens Ubben

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Jens
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Mo. 13.01.14
Ein Hammer!
Dr. Matthias Wilke
Ein Hammer!

Einen Gegenstand zum „Nagel in die Wand Hämmern“ nennen wir einen Hammer. Ferner gebrauchen wir das Wort umgangssprachlich um anzuzeigen, dass wir etwas erstaunlich finden, atemberaubend, unglaublich: „Das ist ja ein Hammer!“

Wenn ich nun von einem hämmernden Hammer sage: „er wird nicht zerbrechen“, so meine ich einen sanften Hammer. Vielleicht einen Hammer mit Gummi, der sein Werk verrichtet, ohne dass splittert oder bricht, was er bearbeitet. Oder ich meine einen Hammer, der viel abkann, der nicht kaputtgeht, auch wenn er aus hoher Höhe auf den Boden fällt. „Er wird nicht zerbrechen“, kann also beides heißen: nicht kaputtgehen und nicht etwas anderes kaputtmachen.

Bauen wir beides zusammen, so erhalten wir den Satz: „Ein Hammer (! Er) wird nicht zerbrechen“. Wenn Sie nun die jeweils doppelte Bedeutung in diesen Satz hineinlesen, so macht er viel Sinn. Er bezeichnet dann entweder ein Ding zum Hämmern, das selbst nicht kaputtgeht, oder ein Ding zum Hämmern, das nicht kaputtmacht. Oder aber er spricht das Erstaunen darüber aus, dass jemand anderer, eben ein „Er“, nicht kaputtgeht oder nichts kaputtmacht, also: „Ein Hammer! Er wird nicht zerbrechen.“ Setzen wir nun in diesen letzten Satz statt „Er“ den ein, der uns Gott nahe bringt, so erhalten wir die Frohe Botschaft für diesen Sonntag. „Ein Hammer!“ – Trost für (m)ein angeknicktes Gewissen und glimmenden Glauben: „Siehe, …das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen…. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen“. So beschreibt der Prophet Jesaja im Alten Testament Gottes Nähe. Mehr dazu am Sonntag in ihrem Gottesdienst. Herzlich willkommen!

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Dr. Matthias Wilke

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Mo. 30.12.13
Ich sehe was, was...
Ich sehe was, was...

Sie kennen es sicherlich auch, dieses alte Kinderspiel: "Ich sehe was, was du nicht siehst..." In unterschiedlicher Zusammensetzung kann man es fast jederzeit und überall spielen. "Ich sehe was, was du nicht siehst. Und das ist grün!" "Das Moos neben dem Baumstamm? Das Auto dort unten? Die Jacke der Frau da vorne?"

"Ich sehe was, was du nicht siehst." Was sehen Sie, wenn Sie auf das neue Jahr 2014 blicken? Ein freudiges Ereignis? Einen bereits jetzt schon gut gefüllten Terminkalender? Einen Stellenwechsel? Ein Jubiläum?

Vielleicht sorgen Sie sich auch um das, was Sie sehen könnten: Wird mein Freund die erneute Krebserkrankung überleben? Behalte ich meinen Arbeitsplatz? Wird meine Kraft reichen für die vielleicht noch unsichtbaren Herausforderungen, die das neue Jahr mit sich bringt?

So klar und deutlich wie bei dem Kinderspiel können wir das, was uns in 2014 erwartet, vermutlich nicht sehen. Aber schon jetzt - kurz vor Beginn des neuen Jahres - gilt für alles, was wir erleben und erfahren werden: Gott will uns dabei begleiten. Unabhängig davon, ob das, was wir (nicht) sehen, blau oder gelb ist, dürfen wir uns darauf verlassen, dass Gott uns in allem und trotz allem nahe ist.

Ob Maria auch schon 'Ich sehe was, was du nicht siehst ' gespielt hat, weiß ich nicht, aber was wir an ihr erkennen können, hat Johannes Kuhn so beschrieben:

"Wie Maria – sich nicht verschließen, nicht nach Erklärung fragen, Vertrauen haben.

Wie Maria – ein weites Herz haben, Gott einlassen und sich nicht fürchten vor dem,

was kommt."

Diese Zuversicht wünsche ich Ihnen und mir für 2014!

Mo. 02.12.13
Ein Kind verändert das Leben
Henning Sievers
Ein Kind verändert das Leben

Ein Kind kommt – und verändert das Leben.

Es verändert den Tagesablauf und den Nachtschlaf der Eltern. Seine Bedürfnisse bestimmen den Alltag.

Es verändert die Blickrichtung der Eltern. Es zeigt ihnen, was wichtig ist im Leben: Liebe, Fürsorge, Nähe.

Die Eltern haben ein Wunder erlebt, das Wunder der Geburt.

Es zeigt, dass das Leben ein Geschenk ist – und nicht selbstverständlich.

Manches Paar hat gespürt, dass hier Gott selbst am Werk ist.

Ein Kind, ein neues Leben kommt in unser Leben – und wir entdecken erstaunt, wie viel Liebe in uns steckt, die wir weitergeben können.

Advent – ein Kind kommt und verändert das Leben.

Es verändert das Leben von Maria und Josef, seinen Eltern. Haben sie damals etwas anderes gefühlt als die Eltern heute?

Wahrscheinlich nicht.

Dieses Kind kommt und verändert das Leben von uns Menschen. Denn als der erwartete Messias und Erlöser kommt es anders als erwartet. Als Kind einfacher Leute in einem Stall geboren und nicht als Prinz in einem Schloss.

Und damit zeigt sich schon, was der erwachsene Jesus predigen und leben wird.

Er wird die Welt auf den Kopf stellen und das Leben verändern.

Den Erwachsenen stellt er die Kinder als Vorbilder im Glauben hin.

Den ganz Gesetzessturen sagt er, dass der Mensch wichtiger ist als die Vorschriften.

Die Rachsüchtigen ermahnt er: Vergebt und geht auf den Nächsten zu.

Den Richtenden sagt er: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Advent – ein Kind kommt und verändert die Welt – damals wie heute.

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Henning Sievers

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Mo. 04.11.13
Is´ ja nicht fertig...
Dr. Matthias Wilke
Is´ ja nicht fertig...

 

Was haben Sie Donnerstag gemacht? Nein, schauen Sie nicht so verblüfft, ich möchte Sie nicht verwirren. Ich würde nur gerne – und das ist total unaufdringlich, denn Sie könnten ja jetzt aufhören zu lesen: und ich wäre weg – Sie auf Donnerstag ansprechen.

Doch vielleicht stelle ich mich erst mal vor: Matthias Wilke, der neue Nachbar in Kirchwalsede. Da lebe ich glücklich seit dem 1. Oktober… Doch ich schweife ab. Entschuldigen Sie! Was sagten Sie, haben Sie am vergangenen Donnerstag getan? Ja, vorgestern, vorvorgestern?...

An dieser Stelle müsste nun eigentlich Ihre Antwort stehen. Kann Sie aber nicht, da ich Sie ja nicht höre. Insofern: eine blöde Idee, Sie auf diesem Wege anzusprechen. Aber, wie sonst? Deshalb so. Und damit wir jetzt nicht in lesendes Schweigen verfallen, ohne doch noch etwas von unserem Fastschoneingespräch zu haben, erzähle ich Ihnen, was ich vergangenen Donnerstag gemacht habe. Wie, das interessiert Sie nicht? Das ist ja dumm. Denn Donnerstag habe ich darüber nachgedacht, wie ich meinen Arbeitsplatz so gestalten könnte, dass wir uns mal darüber unterhalten könnten, wie Sie eigentlich zu einer Reformation der Kirche stehen… Ach, kommen Sie, die Kirche ist Ihnen doch nicht egal, oder? Sind Sie nicht getauft? Haben Sie nicht kirchlich geheiratet? Interessiert es Sie nicht, was mit Ihnen nach Ihrem Tod geschieht? Wenn doch, dann lassen Sie uns an einer Kirche bauen, die uns alle anspricht und die wir ernst nehmen. Ist ja nicht fertig, die Reformation unserer Kirchen – ebenso wenig wie unser Gespräch – oder sagten Sie schon, was Sie letzten Donnerstag gedanklich beschäftigt hat?

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Dr. Matthias Wilke

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Mo. 07.10.13
Erntedank
Erntedank

Morgen ist in den meisten Kirchen Erntedankfest. Sie werden schön geschmückt sein. Große gelbe Kürbisse, Maiskolben, Körbe mit Kartoffeln, Gurken, Tomaten. Wir haben alles im Überfluss, und dafür danken wir Gott.

Tatsächlich gilt das für etwa zwei Milliarden Menschen auf der Welt nicht. Sie haben entweder zu wenig zu essen (als Grenze gelten hier laut Welthungerhilfe 1.800 Kilokalorien pro Tag), oder sie können keine ausgewogene Nahrung zu sich nehmen und leiden daher an Mangelerscheinungen.

In Deutschland schaffen wir es ja, dass Milchprodukte aus dem Süden in den Norden gekarrt werden und umgekehrt. Man rechnet uns vor, dass die Transportkosten so günstig sind, dass das eigentlich nichts ausmacht.

Bisweilen werfen wir die Lebensmittel, die wir durchs Land gekarrt haben, dann auch weg – weil wir schlecht geplant haben. Meine Oma hat dazu gesagt: Da waren die Augen mal wieder größer als der Mund.

Und komischer Weise sind wir offenbar nicht in der Lage, Lebensmittel in der ganzen Welt so zu verteilen, dass sich alle Menschen auf der Welt ausgewogen ernähren könnten. Genug Lebensmittel für alle werden auf der Welt zwar produziert – aber das Land, auf dem produziert wird, gehört oft Menschen, die nicht das geringste Interesse an der Welternährung haben. Sie produzieren in Afrika Blumen für die arabischen Emirate und bei uns Mais zur Energiegewinnung. Beides mit der Folge, dass die Lebensmittelpreise steigen und Menschen, die arm sind, sich ihre 1.800 Kilokalorien wenn überhaupt, dann nur noch sehr einseitig kaufen können.

Danken wir also morgen für jede Idee, die daran etwas ändert.

So. 16.06.13
Sich trauen zu bitten
Matthias Richter
Sich trauen zu bitten

Ein Junge bemühte sich vergeblich, einen riesigen Stein hochzuheben. Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Sein Vater schaute zu und sagte schließlich: „Du setzt ja nicht deine ganze Kraft ein!“ „Natürlich“, rief der Junge, „das siehst du doch!“. Der Vater widersprach: „Das stimmt nicht. Du hast mich noch nicht um Hilfe gebeten!“

Ich bin sicher, der Junge hat was gelernt. Denn wenn es wichtig und richtig ist, dass der Stein gehoben werden muss, dann ist es genauso richtig und wichtig, um Hilfe zu bitten und Unterstützer zu suchen.

Zu meiner Tätigkeit für Kirche und Diakonie gehört es, dass ich selbst viele Menschen bitte und Unterstützer suche für soziale Aktionen. Außerdem ermutige ich viele Gremien und Kirchenvorstände, dass sie es ihrerseits wagen zu bitten und sich Unterstützer für die Projekte suchen, die sie angehen wollen. Oft suchen wir Menschen, die uns Geld spenden. Häufig geht es auch um gespendete Zeit und praktische Hilfe, manchmal auch um konkrete Gegenstände. Gemeinsam lässt sich viel bewegen: Da können Schwerstbehinderte Ausflüge machen, auch wenn die Krankenkasse das nicht vorsieht. Da können Jugendliche von der Straße geholt und begleitet werden, auch wenn das Gemeindebudget das nicht hergibt. Da können Sterbende und ihre Angehörige so betreut werden, wie ich es auch einmal für mich erhoffe. Für all solche Projekte bitte ich andere um Hilfe, um Zeit und Geld.

„Ist Ihnen das nicht peinlich,“ werde ich manchmal gefragt, „die Leute so zu nerven?“ Nein, das ist es mir nicht. Denn wenn der Stein gehoben werden muss, dann darf man sich nicht zu schade sein, sich Unterstützer zu suchen. Und außerdem ist eine höfliche und transparente Bitte niemals peinlich oder nervend, sondern schlicht menschlich. Viele Aufgaben in der Kirche, in der Arbeit mit behinderten oder kranken Menschen sind eben nur mit Unterstützern zu lösen. Mit Menschen, die über sich selbst hinausdenken. Allen anderen Behauptungen zum Trotz: Viele Menschen helfen gerne, Gott sei Dank.

Wahrscheinlich ist es ein guter Weg, das Glück zu finden: Sich trauen zu bitten. Und auf solche Bitten zu antworten. Und am Ende ist der Stein gehoben.

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Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
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